Mehr Geld als je zuvor. Warum reicht es trotzdem nicht?
Bonn hat 2025 so viele Steuern eingenommen wie noch nie. Im September 2026 hat der Kämmerer trotzdem eine Haushaltssperre verhängt. Wie passt das zusammen? Eine Erklärung in fünf Minuten, ganz ohne Fachchinesisch.
DER KASSENBONStell dir Bonn als Haushalt vor
Ein Stadthaushalt mit fast zwei Milliarden Euro ist schwer vorstellbar. Darum teilen wir ihn einmal durch alle Bonnerinnen und Bonner und durch zwölf Monate. Heraus kommt ein Kassenbon, der zeigt, was die Stadt für jeden Einzelnen von uns ausgibt.
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Für eine vierköpfige Familie sind das rund 94 € Minus im Monat. Ein Familienhaushalt würde jetzt den Dispo anzapfen. Genau das macht Bonn auch, und das schon lange.
GRUND 1Der alte Dispo wird teuer
Wenn das Geld für laufende Ausgaben nicht reicht, nimmt eine Stadt Liquiditätskredite auf (früher Kassenkredite), quasi einen Dispo. Bonn macht das seit vielen Jahren, und auch Investitionen finanziert die Stadt überwiegend mit Krediten. Solange Zinsen fast nichts kosteten, tat das kaum weh. Das ist vorbei.
Schulden pro Kopf: Bonn liegt weit vorn
Rechnet man die Jahre 2013 bis 2024 zusammen, deckten die Einnahmen die laufenden Ausgaben fast vollständig. In derselben Zeit buchte Bonn aber 389 Mio. € für Zinsen. Eine gute Nachricht gibt es: 2026 übernimmt das Land 225 Mio. € von Bonns Dispo (Teil 2). Das hilft, löst das Problem aber nicht.
GRUND 2Kosten, die von allein wachsen
Der größte Ausgabenblock sind Leistungen für Menschen, die Hilfe brauchen: Sozialhilfe, Jugendhilfe und die Umlage an den Landschaftsverband, der zum Beispiel Menschen mit Behinderung unterstützt. Das meiste davon ist gesetzliche Pflicht. Die Stadt kann es nicht einfach streichen, nur besser steuern.
Netto-Kosten für Soziales, Jugendhilfe und Umlage
Das sind 200 Mio. € mehr in zehn Jahren, wenn der Plan eintritt. Am schnellsten wächst die Jugendhilfe. Solche wachsenden Kosten sind ein Grund, warum der Haushalt inzwischen schon vor den Zinsen im Minus ist: 2024 mit −20 Mio. € (Ist), 2025 mit −52 Mio. € (Entwurf). Rechnet man die Zinsen dazu, lag das Jahresergebnis 2025 bei −96,6 Mio. € (Entwurf). Für 2026 erwartet die Stadt −167,5 Mio. € (Prognose) statt der geplanten −123,5 Mio. € (Plan).
GRUND 3Bonn leistet sich manches teurer
Ist Bonn verschwenderisch? Die Gemeindeprüfungsanstalt NRW vergleicht alle paar Jahre die 23 kreisfreien Städte des Landes miteinander. Das Bild ist gemischt. In einigen Bereichen zahlt Bonn deutlich mehr als die typische Stadt in der Mitte des Vergleichs, in anderen weniger.
Schulbegleitung, ein Kind, ein Jahr 2× so teuer
Teuerster Wert aller 19 Städte mit Daten. Allein 2022 kostete das laut Prüfern rund 12,8 Mio. € mehr als in einer Stadt mit mittleren Fallkosten. Seit dem Schuljahr 2025/26 wird das Modell umgestellt.
Kultur, Zuschuss pro Einwohner 2× so teuer
Bonn hatte das höchste Kulturdefizit aller verglichenen Städte, mit Theater an mehreren Spielstätten und großem Orchester. Der Vergleich ist alt, neuere Zahlen gibt es nicht. Heute kostet allein das Theater rund 120 € pro Kopf und Jahr.
Parkpflege pro Quadratmeter +37 %
Repräsentative Grünanlagen, hoher Pflegestandard. 2011 war allerdings ein Spitzenjahr, 2012 waren es 1,39 €. Auf Friedhöfen kostete die Grünpflege 2017 sogar das 2,6-Fache.
IT pro Arbeitsplatz −30 %
Zweitgünstigster Wert. Auch Personalkosten und Zahlungsabwicklung liegen im Rahmen oder darunter. Die Verwaltung ist nicht pauschal aufgebläht.
UND JETZT?Was helfen würde und was nicht
In der Hilfe zur Erziehung hat Bonn eher wenige Fälle, zahlt aber je Fall am meisten (2023). Bei der Schulbegleitung kommen doppelt so viele Fälle wie üblich dazu. Bei den Pflichtaufgaben ist das der größte Hebel, den die Stadt selbst in der Hand hat.
Theater, Orchester, Parks: Was ist uns das wert? Dabei geht es nicht um „ja oder nein“, sondern um „wie viel“. Diese Debatte gehört in die Öffentlichkeit, nicht nur in den Kämmerei-Flur.
Bonn plant jedes Jahr viel mehr Investitionen, als es baut: Von den verfügbaren Baumitteln flossen 2024 nur 13,6 % ab (Ist, eigene Rechnung, mehr in Teil 6). Ehrlichere Pläne und der Abbau des Dispos senken auf Dauer die Zinslast.
WIE ES WEITERGEHTWas dich in Staffel 2 erwartet
Staffel 1 erklärt, warum das Geld nicht reicht. Staffel 2 schaut, wo es hingeht und wo es fehlt: bei Straßen und Brücken, bei Bus und Bahn, bei Bauprojekten, beim Personal und bei den Einnahmen.
Das Straßennetz hat von 2013 bis 2024 ein Viertel seines Buchwerts verloren, und 2024 flossen nur 13,6 % der verfügbaren Baumittel ab (Ist, Teil 6). Die Beethovenhalle kostet fast das Vierfache des Beschlusses von 2015 (Teil 9).
Seit Juni 2026 ist die Nordbrücke voll gesperrt (Teil 7). Bus und Bahn kosteten den städtischen Haushalt 2024 schon 35,5 Mio. € (Ist), bis 2018 fast nichts (Teil 8).
913 Mio. € Rückstellungen für Pensionen (Ende 2025, Entwurf, Teil 10). Um die städtischen Gebäude bis 2035 zu sanieren und klimaneutral zu machen, fehlen nach unserer Rechnung jedes Jahr rund 154 Mio. € (Teil 11).
Warum von einem Gewerbesteuer-Boom über den Finanzausgleich oft nur ein Viertel bleibt und an der Steuerschraube kaum noch Luft ist (Teil 12). Danach prüft der Mythen-Check neun Behauptungen, und im Rechner bist du selbst Kämmerer.