Was kostet Bonn?Blog · Bonn erklärt
BONN ERKLÄRT · STAFFEL 2 · TEIL 9

Aus 60 werden 230 Millionen. Bonns Baustellen-Bilanz.

Beethovenhalle, Stadthalle Bad Godesberg, Bonns Fünfte: Die meisten großen Bonner Bauprojekte werden teurer oder später fertig als versprochen. Wir haben die Projektliste des Gebäudemanagements durchgerechnet und die Altlast WCCB ausgegraben.

DIE BEETHOVENHALLEAus 60 wurden 230 Millionen

Im Dezember 2015 beschloss der Bonner Rat die Sanierung der Beethovenhalle. Kosten: 59,8 Mio. €. Fertig sollte sie im Sommer 2018 sein. Eröffnet wurde sie am 16. Dezember 2025. Heute liegt der Kostenrahmen bei 230,3 Mio. €, davon sind bis Mitte 2026 schon 225,8 Mio. € ausgezahlt.

Die Kostentreppe der Beethovenhalle

Mio. € · 2015 Schätzung im Ratsbeschluss · 2019–2025 Zwischenstände laut Presse (blass) · 2026 Gesamtkostenrahmen laut Controllingbericht
59,8
≈ 102
≈ 166
≈ 222
230,3
2015 · Beschluss
2019 · Presse
2022 · Presse
2025 · Presse
2026 · Rahmen
× 3,85
so teuer wie beschlossen
230,3 ÷ 59,8 · eigene Rechnung
7,5 Jahre
später fertig als geplant: Dezember 2025 statt Sommer 2018
eigene Rechnung
4,2 Mio. €
Zuschuss für den Betrieb allein im ersten Halbjahr 2026, vor allem Zinsen für die Sanierung
1. Hj. 2026 · Ist · Controllingbericht

Für Bonn ist die Beethovenhalle mehr als ein Konzertsaal. Sie ist das Symbol dafür, wie Großprojekte aus dem Ruder laufen: unterschätzter Altbau, Denkmalschutz, Planungsänderungen, Baupreise. Und das wiederholt sich.

63 PROJEKTE IM CHECKWas das Gebäudemanagement gerade baut

Das Städtische Gebäudemanagement baut und saniert Schulen, Kitas, Feuerwachen und Bäder. Alle sechs Monate meldet es dem Rat, was jedes Projekt kosten soll und wann es fertig wird. Wir haben die Liste vom Juni 2026 ausgewertet.

+130 Mio. €
Die 63 Projekte kosten nach heutiger Prognose 1,23 Mrd. € statt 1,10 Mrd. € (+12 %)
Stand 06/2026 · Prognose
19 von 63
liegen über Budget, nur eins darunter. Ebenso viele werden später fertig
Stand 06/2026
105
Quartale Verspätung kommen zusammen, gut 26 Jahre
Stand 06/2026 · eigene Rechnung

Budget gegen Prognose: die zwölf größten Ausreißer

Mio. € · grauer Punkt = Budget, oranger Punkt = aktuelle Prognose · Stand Juni 2026 · Projektberichte Gebäudemanagement
Stadthalle Bad Godesberg
+112 %
Bonns Fünfte
+37 %
Feuerwache III
+14 %
Marktschule
+121 %
Bodelschwinghschule
+71 %
Bertolt-Brecht-Gesamtschule
+12 %
Stadtarchiv
+11 %
Interimsbad Sportpark Nord
+20 %
Friedrich-List-Berufskolleg
+26 %
Sporthalle Schulzentrum Tannenbusch
+31 %
Bauhof am Krähenhorst
+207 %
Kita Wilhelmstr.
+9 %
03570105140

Wichtig: „Budget“ ist hier der aktuelle Kostenrahmen, nicht der erste Beschluss. Wie stark die Projekte seit ihrem Start teurer wurden, steht in der Liste nicht. Bei der Beethovenhalle sieht man, wie groß der Unterschied sein kann.

Bonns Fünfte (Gesamtschule) 5 Jahre später

Budget
40,3 Mio. €
Prognose
55,1 Mio. €

Geplant war die Fertigstellung im Frühjahr 2021, jetzt ist es das Frühjahr 2026. Die Kosten stiegen um 37 %.

Stand 06/2026 · Projektbericht Gebäudemanagement S. 5

Feuerwache III 3 Jahre später

Budget
59,9 Mio. €
Prognose
68,3 Mio. €

Abriss und Neubau, statt Ende 2029 jetzt Ende 2032.

Stand 06/2026 · Projektbericht Gebäudemanagement S. 7

Schulen insgesamt besser als ihr Ruf

Anteil am Budget
64 %
Anteil an Mehrkosten
30 %

36 Schulprojekte, 10 davon über Budget. Gemessen an ihrem Gewicht laufen sie vergleichsweise solide.

Stand 06/2026 · eigene Rechnung

DIE STADTHALLEEin Projekt verdoppelt sich, bevor es beginnt

Die Stadthalle Bad Godesberg ist mit Abstand der größte Ausreißer. Angemeldet war die Sanierung mit 65 Mio. €, die Prognose liegt jetzt bei 137,9 Mio. € (+112 %). Damit steckt mehr als die Hälfte aller Mehrkosten der 63 Projekte in diesem einen Haus. Ohne die Stadthalle lägen die übrigen Projekte nur 5,5 Prozent über Budget.

137,9 Mio. €
Prognose statt 65 Mio. € Erstanmeldung
Stand 06/2026 · Prognose
56 %
aller Mehrkosten im Bauprogramm entfallen auf die Stadthalle
eigene Rechnung
1 Mio. €
stehen im Haushalt 2026 dafür bereit (2025: 0 €)
Plan · Vorbericht Haushalt 2025/2026

Fertig werden soll sie Ende 2031. Im Haushalt ist das Projekt bisher kaum finanziert. Ob und in welchem Umfang die Sanierung kommt, entscheiden die nächsten Haushaltsberatungen, mitten in der Haushaltssperre.

DIE BÄDER135 Mio. € fürs Schwimmen, und ein Streit ums Melbbad

Hardtbergbad
57,5 Mio. €
Ennertbad → Kombibad
48,5 Mio. €
Interimsbad Sportpark Nord
18,0 Mio. €
Melbbad
10,7 Mio. €
Wasserland
3,5 Mio. €

Budget bzw. Prognose (Interimsbad) im Bauprogramm des Gebäudemanagements · Stand 06/2026

Die Bäder kosten im Bauprogramm zusammen 135,2 Mio. € (Budget). Um das Melbbad wird gerade gestritten: Ein Bürgerbegehren will die Wiedereröffnung, die Verwaltung will das Bad aufgeben. Die Kosten einer Erneuerung beziffert die Initiative mit bis zu 29,1 Mio. €, nach eigener Angabe aus einer städtischen Kostenschätzung. Das Original ist nicht veröffentlicht.

DIE ALTLASTDas WCCB zahlt Bonn bis heute ab

2005Start des World Conference Center Bonn (WCCB), geplante Projektkosten damals 130–140 Mio. € (laut Wikipedia).
2013Das Landgericht Bonn verurteilt den Investor wegen Betrugs zu 6,5 Jahren Haft (laut Wikipedia).
2014Bonn bildet eine Rückstellung von 50,5 Mio. € für die Klage der Sparkasse. Das Jahresergebnis 2014: −150,4 Mio. €, das schlechteste aller Jahre von 2013 bis 2025.
2015Das Konferenzzentrum eröffnet, 2016 folgt das Hotel.
Dez. 2016Vergleich mit der Sparkasse KölnBonn: Bonn zahlt 70 Mio. €.
Jan. 2017Für die Zahlung nimmt Bonn 70 Mio. € zusätzlichen Dispo auf (Teil 2). Dass der Dispo Ende 2017 trotzdem niedriger war als ein Jahr zuvor, lag am Überschuss dieses Jahres.
2023Vergleich mit einem früheren Oberbürgermeister und einem früheren Oberstadtdirektor über Schadensersatz: 200.000 € und 30.000 €.

Eine amtliche Gesamtrechnung des WCCB-Schadens gibt es nicht. Der Bund der Steuerzahler nennt rund 250 Mio. €, andere Schätzungen liegen bei 300 Mio. €. Belegt ist: Die 70 Mio. € für den Vergleich wurden über den Dispo finanziert. Der Dispo ist seitdem nie unter 600 Mio. € gefallen, die Zinsen dafür zahlt Bonn bis heute.

DAS MUSTERKein Controlling, keine Bremse

Warum passiert das immer wieder? Die Landesprüfer haben 2025 eine einfache Antwort gefunden. Ihr Satz dazu: „Ein Bauinvestitionscontrolling ist derzeit nicht installiert.“ Es gibt kein zentrales Gremium, das große Bauvorhaben über alle Ämter hinweg steuert, und keine verbindlichen Regeln.

Ab einer Wertgrenze ein festes Verfahren

Die Prüfer nennen als Beispiel ein Regelverfahren für Projekte ab 10 Mio. €, mit dem Verwaltungsvorstand als Entscheider.

Ab 3 bis 5 Prozent Mehrkosten neu entscheiden

Weicht ein Projekt so weit ab, muss die Verwaltungsspitze neu entscheiden und klären, ob der Rat erneut befasst wird. Notfalls wird gestoppt, bevor der Bagger anrollt.

Mehr Transparenz statt weniger

Ausgerechnet jetzt stellt das Gebäudemanagement seine Projektberichte von vierteljährlich auf halbjährlich um. Das geht in die falsche Richtung.

Unsere EinschätzungTeurer und später ist auf Baustellen fast überall normal. Baupreise sind in den letzten Jahren stark gestiegen, und alte Gebäude stecken voller Überraschungen. Aber Bonn macht es sich zu leicht. Die Beethovenhalle hat das 3,85-Fache gekostet, und trotzdem gibt es zehn Jahre später noch immer kein zentrales Bau-Controlling. Die Stadthalle verdoppelt sich, bevor überhaupt gebaut wird. Wer so plant, verliert das Vertrauen der Menschen, die das am Ende bezahlen.

DIE SERIEBonn erklärt

STAFFEL 1 Warum das Geld nicht reicht
STAFFEL 2 Wo das Geld hingeht und wo es fehlt
EXTRAS Prüfen und selbst rechnen