Der Bus kostet Bonn plötzlich Geld. Richtig viel Geld.
Jahrelang hat der Stadtwerke-Konzern das Minus von Bus und Bahn geschluckt. Seit 2023 zahlt die Stadt direkt, inzwischen über 35 Mio. € im Jahr. Dazu kommen alte Bahnen, ein Flotten-Kollaps im Sommer und eine Stadt, die für ihre Stadtwerke zur Bank geworden ist.
6 Min. Lesezeit·Stand Oktober 2026
DIE WENDEAus null wurden 36 Millionen
Jahrelang war der Nahverkehr für Bonns Haushalt fast kostenlos. Das Minus von Bus und Bahn trugen die Stadtwerke (SWB) in ihrem Konzern, unter anderem mit Gewinnen aus dem Strom- und Gasgeschäft. Seit Juni 2023 gilt ein neuer Vertrag zwischen Stadt und Stadtwerken, ein sogenannter öffentlicher Dienstleistungsauftrag. Seitdem überweist die Stadt den Ausgleich direkt aus ihrem eigenen Haushalt.
Was der Nahverkehr den städtischen Haushalt kostet
Mio. € · Saldo „Planung ÖPNV“ (Produktgruppe 1.12.07) · Ist, 2025 Entwurf · Auswahl; 2013 1,0 Mio. €, 2015 ≈ 0 · 2019–2022 liegen in den Daten nicht vor
≈ 0
≈ 0
5
≈ 0
17
35,5
36,1
2014
2016
2017
2018
2023
2024
2025 · Entw.
Bis 2018 kostete der Bus den Haushalt fast nichts. 2024 waren es 35,5 Mio. €, rund 104 € für jede Bonnerin und jeden Bonner.
Für 2025 meldet der Abschlussentwurf 36,1 Mio. € (geplant waren 41,9 Mio. €). Das ist ein Saldo, unter anderem nach 11,9 Mio. € Landeszuschüssen. Die Stadtwerke verbuchen für 2025 39,7 Mio. € Ausgleich von der Stadt. Wo genau die Differenz liegt, lässt sich aus den veröffentlichten Zahlen nicht nachvollziehen.
WER ZAHLT DEN BUS?Der Fahrgast zahlt nur rund die Hälfte
Woher das Geld für Bus und Bahn 2025 kam
Mio. € · Erträge des SWB-Konzerns im Verkehr · Ist · Geschäftsbericht 2025
Deutschlandticket-Ausgleich von Bund und Land36,8 Mio. € · 21 %
Ausgleich Rhein-Sieg-Kreis7,2 Mio. € · 4 %
Und selbst in der ersten Zahl steckt noch Steuergeld, etwa Zuschüsse für Schüler- und Schwerbehindertenverkehr. Was am Ende noch fehlt, gleicht der Konzern selbst aus. Wie groß das Loch ohne jede Hilfe wäre, zeigt eine Rechnung für 2024 aus der Fachpresse:
Das Minus im Nahverkehr 2024, Schritt für Schritt
Mio. € · Verkehrsbereich der Stadtwerke · Presseangaben (ZfK), gerundet, Summe weicht rundungsbedingt um 0,1 ab
Minus ohne Hilfe
−110,8
Deutschlandticket-Ausgleich
+37,5
Zuschuss der Stadt
+35,6
Rest für den Konzern
−37,8
−1200 Mio. €
STROM ZAHLT DEN BUS?Der Querverbund und seine Grenzen
Der Trick heißt steuerlicher Querverbund. Gewinne aus Strom und Gas und Verluste aus Bus und Bahn landen in einer gemeinsamen Gesellschaft. So zahlen die Stadtwerke auf ihre Energiegewinne weniger Steuern. Wie viel das spart, veröffentlichen sie nicht.
34,7 Mio. €
Energiegewinn, der Bonn 2024 zustand
2024 · Presse (ZfK)
37,8 Mio. €
Rest-Minus im Verkehr, das der Konzern 2024 tragen musste
2024 · Presse (ZfK), eigene Rechnung
80 Mio. €
Deckel für das Verkehrs-Minus ab 2029. Ohne Deckel wären rund 100 Mio. € erwartet worden
Plan · Presse (ZfK)
Die Energie trägt also mit, aber sie reicht nicht. Ohne Stadt und Deutschlandticket stünde der Konzern tief im Minus. Fällt der Querverbund im Steuerrecht irgendwann weg, nennen die Stadtwerke das selbst ein „zentrales Risiko“.
DIE STADT ALS BANKBonn leiht sich Geld für die Bahnen der Stadtwerke
Seit 2020 nimmt die Stadt Darlehen auf und reicht sie an die Stadtwerke weiter, die sogenannte Konzernfinanzierung. Laut Stadtwerken fließt das Geld „im Wesentlichen“ in Verkehrsinfrastruktur, vor allem in neue Stadt- und Straßenbahnen.
An die Stadtwerke weitergereichte Kredite
Mio. € · Bestand am 31.12. · 2020–2024 Ist · 2025 Entwurf · Jahresabschlüsse der Stadt
19
65
105,3
101,2
142,8
228,5
2020
2021
2022
2023
2024
2025 · Entw.
13,6 %
aller Bonner Baukredite sind an die Stadtwerke weitergereicht, fast jeder siebte Euro
31.12.2025 · Entwurf · eigene Rechnung
344 Mio. €
neue Darlehen an die Stadtwerke plant der Haushalt für 2025 bis 2029
Plan · Vorbericht Haushalt 2025/2026
139,7 Mio. €
offene Bestellungen für neue Bahnen Ende 2025
Ist · SWB-Geschäftsbericht 2025
Für das laufende Jahresergebnis der Stadt ist das neutral: Die Stadtwerke zahlen Zinsen und einen Aufschlag zurück. Aber die Schulden der Stadt steigen, und sie trägt das Risiko, falls die Stadtwerke einmal nicht zahlen können. Das erklärt einen Teil des Bonner „Platz 1“ bei den Baukrediten aus Teil 2.
ALTE BAHNEN, TEURE PANNENDer Sommer, in dem die Bahnen stehen blieben
1975–1993Die Stadtbahnwagen vom Typ B werden gebaut. 60 von 75 Hochflurbahnen in Bonn gehören zu diesem Typ.
2022/2023Die Stadtwerke bestellen 22 plus 10 neue Stadtbahnwagen. Die ersten sollen ab 2026/27 kommen.
März 2026Die letzte von 28 neuen Niederflur-Straßenbahnen wird abgenommen.
Juni 2026Die Nordbrücke wird gesperrt (mehr dazu in Teil 7). Die Staus auf der Kennedybrücke bremsen auch die Busse.
Juli 2026Die gesamte B-Flotte muss außer Betrieb, wegen Mängeln an Radsatzwellen, Kupplungen und Bremsen. Köln leiht Bonn 20 Bahnen.
bis Ende Sept. 2026Mindestens 3,5 Mio. € Mehrkosten für die Stadtwerke.
Dezember 2027Die geplante Neuordnung des Liniennetzes ist auf diesen Termin verschoben.
Bis zu 51 Jahre alte Bahnen im Einsatz, Ersatz bestellt, aber noch nicht da: Das ist im Kleinen genau das Muster, das Teil 6 für die ganze Stadt beschreibt.
IMMERHINDicht dran ist Bonn wie kaum eine Stadt
99,9 %
der Bonnerinnen und Bonner haben eine Haltestelle in Reichweite. Damit liegt Bonn vor Karlsruhe, Wiesbaden und Münster.
2022 · BBSR-Studie
214
Linienbusse auf 50 Linien, dazu rund 100 Bahnen
07/2026 · Stadtwerke
2035
soll die Busflotte komplett elektrisch fahren
Plan · SWB-Geschäftsbericht 2025
Unsere EinschätzungBonn hat einen dichten, guten Nahverkehr und hat ihn jahrelang auf Verschleiß gefahren. Solange die Energiegewinne den Bus mitfinanzierten, fiel das im städtischen Haushalt kaum auf. Jetzt kommt alles auf einmal: Die Stadt zahlt direkt, sie leiht sich das Geld für neue Bahnen, und die alten fallen aus. Der geplante Verlustdeckel ab 2029 klingt nach Kontrolle. Er heißt aber auch: Wenn die Kosten weiter steigen, wird beim Angebot gekürzt. Darüber sollte offen geredet werden, bevor die ersten Linien ausgedünnt werden.
Den Deckel ehrlich machen
Ein Verlustdeckel von 80 Mio. € ab 2029 braucht einen Plan, was dann wegfällt. Takt, Linien, Preise: Das muss vorher auf den Tisch.
Fahrzeuge rechtzeitig ersetzen
Wer Bahnen 50 Jahre fahren lässt, zahlt am Ende doppelt: für Pannen und für den Ersatz unter Zeitdruck.
Zahlen veröffentlichen
Fahrgastzahlen, Steuerersparnis aus dem Querverbund, die Buchung des städtischen Ausgleichs: Nichts davon ist öffentlich. Bei über 35 Mio. € Steuergeld im Jahr sollte es das sein.