Was kostet Bonn?Blog · Bonn erklärt
BONN ERKLÄRT · STAFFEL 2 · TEIL 6

Die Straßen verlieren ein Viertel ihres Werts. Und das Geld fürs Bauen bleibt liegen.

Bonn nimmt Jahr für Jahr mehr Kredite für Investitionen auf. Gleichzeitig verfällt, was schon da ist. Wie passt das zusammen? Eine Spurensuche zwischen Abschreibungen, Finanzanlagen und Geld, das nie verbaut wird.

DIE ABNUTZUNGJedes Jahr ein Stück weniger Stadt

Eine Straße verliert jedes Jahr an Wert, weil sie benutzt wird, Frost abbekommt und altert. In der Buchhaltung heißt das Abschreibung. Steckt eine Stadt weniger in neue und erneuerte Straßen, als sie abschreibt, schrumpft ihr Bestand. Sie lebt von der Substanz.

Bonns Straßennetz: neu gebaut gegen abgenutzt

Mio. € pro Jahr · Balken = Zugänge (neu und erneuert), Linie = Abschreibungen · 2013–2024 Ist · 2025 Entwurf (blass) · Anlagenspiegel der Jahresabschlüsse
05101520252013: neu dazugekommen 7,6 Mio. €2014: neu dazugekommen 10,1 Mio. €2015: neu dazugekommen 16,8 Mio. €2016: neu dazugekommen 5,4 Mio. €2017: neu dazugekommen 9,0 Mio. €2018: neu dazugekommen 6,6 Mio. €2019: neu dazugekommen 8,7 Mio. €2020: neu dazugekommen 5,0 Mio. €2021: neu dazugekommen 5,5 Mio. €2022: neu dazugekommen 9,6 Mio. €2023: neu dazugekommen 1,5 Mio. €2024: neu dazugekommen 6,5 Mio. €2025: neu dazugekommen 11,2 Mio. €’13’15’17’19’21’23’252013: Wertverlust 23,1 Mio. €2014: Wertverlust 23,2 Mio. €2015: Wertverlust 23,1 Mio. €2016: Wertverlust 22,9 Mio. €2017: Wertverlust 21,8 Mio. €2018: Wertverlust 21,4 Mio. €2019: Wertverlust 21,2 Mio. €2020: Wertverlust 21,2 Mio. €2021: Wertverlust 20,3 Mio. €2022: Wertverlust 20,3 Mio. €2023: Wertverlust 20,1 Mio. €2024: Wertverlust 19,8 Mio. €2025: Wertverlust 19,9 Mio. €
neu dazugekommenWertverlust (Abschreibung)
−26 %
Buchwert des Straßennetzes 2013 → 2024: von 558 auf 414 Mio. €
Ist · Anlagenspiegel
36 %
des Wertverlusts wurden ersetzt. In keinem einzigen Jahr waren es 100 %
2013–2024 · Ist · eigene Rechnung
0,37 €
pro m² gab Bonn für die Unterhaltung der Straßen aus. Richtwert: 1,30 €
2017 · gpaNRW 2019 (Hilfswert)

Die Landesprüfer hatten das schon 2019 aufgeschrieben. Den 19,1 Mio. € Abschreibungen auf die Verkehrsflächen standen 2017 nur 8,5 Mio. € Reinvestitionen gegenüber. Die Daten zum Straßenzustand stammten damals aus dem Jahr 2007. Eine neue Erfassung war 2019 erst in Vorbereitung. Ob es inzwischen aktuelle Zustandsdaten gibt, hat die Stadt nicht veröffentlicht.

DIE SCHEREDie Kredite wachsen, die Straßen schrumpfen

Was wächst und was schrumpft

Index 2013 = 100 · Buchwerte am 31.12. · 2013–2024 Ist · 2025 Entwurf (gestrichelt) · Baukredite ab 2023 inkl. umgebuchter Zwischenfinanzierung, nur eingeschränkt vergleichbar
50100150200201320162019202220252013: 100,02014: 97,92015: 105,62016: 109,12017: 125,82018: 128,92019: 132,22020: 141,52021: 155,12022: 166,12023: 176,62024: 193,12025: 222,9Baukredite2013: 100,02014: 99,42015: 98,32016: 96,62017: 95,12018: 93,52019: 91,92020: 93,92021: 92,32022: 105,22023: 103,52024: 102,12025: 100,2Brücken2013: 100,02014: 101,02015: 100,72016: 100,22017: 99,82018: 99,32019: 99,32020: 96,82021: 94,52022: 94,42023: 94,62024: 95,12025: 96,8Kanäle2013: 100,02014: 97,82015: 96,62016: 93,62017: 91,42018: 88,92019: 86,72020: 84,02021: 81,62022: 79,72023: 76,52024: 74,32025: 72,9Straßen
Seit 2013 ist Bonns Bestand an Baukrediten um 701 Mio. € gewachsen. Das Straßennetz ist im selben Zeitraum 144 Mio. € weniger wert.

Wie passt das zusammen? Ein Teil des Zuwachses sind seit 2023 umgebuchte Dispo-Kredite (Teil 2). Für den Rest haben wir die Bilanz verglichen. Im selben Zeitraum wuchsen vor allem zwei Posten, die in der Bilanz als Finanzanlagen stehen, also wie Geldanlagen. Ihr Zuwachs entspricht 82 % des Kredit-Zuwachses. Einen bestimmten Zweck kann man einem einzelnen Kredit dabei nicht zuordnen. Nur die Darlehen an die Stadtwerke reicht Bonn direkt weiter.

Wohin der Zuwachs der Finanzanlagen ging

Mio. € · Zuwachs 2013 → 2024 · Ist · Bilanz
Gebäude 64 %
Stadtwerke 25 %
an das Städtische Gebäudemanagement und das Theater (Schulen, Gebäude)371,6 Mio. € · 64 %
Darlehen an die Stadtwerke (vor allem neue Bahnen, Teil 8)143,5 Mio. € · 25 %
übrige Finanzanlagen62,2 Mio. € · 11 %

Das städtische Gebäudemanagement ist ein Sondervermögen der Stadt. Wenn Bonn eine Schule saniert, gibt die Stadt dem Gebäudemanagement Geld. In der städtischen Bilanz steht das als Finanzanlage, obwohl daraus echte Gebäude werden. Die Darlehen an die Stadtwerke reicht Bonn nur durch (Teil 8). Dass deshalb kein Geld für Straßen da war, zeigen die Zahlen allerdings nicht. Das zeigt der nächste Abschnitt.

239 %
Investitionsquote 2025 laut Stadt: Investitionen im Verhältnis zum Wertverlust. Ihr Urteil im Abschluss: Es komme „zu keinem Substanzverlust“
2025 · Entwurf · Jahresabschluss
62 %
aller investiven Auszahlungen 2025 waren Finanzanlagen, nur 32 % Baumaßnahmen
2025 · Entwurf · Finanzrechnung
49 %
waren es im Schnitt der Jahre 2013–2024
Ist · eigene Rechnung

Die städtische Kennzahl zählt die Darlehen an die Stadtwerke und das Geld für das Gebäudemanagement als Investition mit. So entsteht auf dem Papier eine Quote weit über 100 Prozent. Den Effekt der Stadtwerke-Darlehen räumt die Stadt im Abschluss selbst ein. Die Straßen erzählen eine andere Geschichte.

GELD DA, BAU NICHTDas eigentliche Problem: Bonn verbaut sein Geld nicht

Fehlt also schlicht das Geld für die Straßen? Nicht ganz. Der Haushalt plant jedes Jahr viel mehr Bauprojekte, als die Stadt umsetzt. Was nicht ausgegeben wird, wandert als „Ermächtigung“ ins nächste Jahr, also als Erlaubnis, das Geld später noch auszugeben. Dort trifft es auf die neuen Pläne und wird wieder nicht fertig.

Wie viel der Mittel für Baumaßnahmen tatsächlich abfloss

% der verfügbaren Mittel (Ansatz + Übertrag aus dem Vorjahr) · 2019–2024 Ist · 2025 Entwurf · eigene Rechnung aus der Finanzrechnung
24,2 %
25,7 %
20,7 %
19,5 %
21,1 %
13,6 %
24,1 %
2019
2020
2021
2022
2023
2024
2025 · Entw.
404 Mio. €
Investitionsmittel wurden Ende 2024 ins Folgejahr geschoben, davon 304 Mio. € für Baumaßnahmen
2024 · Ist · eigene Rechnung
77 % → 25 %
So viel der Investitionsmittel floss 2014–2018 im Schnitt ab, so wenig 2022/2023
Ist · gpaNRW 2024/25, S. 64–66
950 €
nicht ausgegebene Investitionsmittel pro Kopf wurden 2023 übertragen. Nur eine kreisfreie Stadt hatte mehr
2023 · Ist · gpaNRW

Die Prüfer sagen es deutlich: Wegen dieser Lücke zeigen Bonns Haushaltspläne kein realistisches Bild davon, was tatsächlich gebaut wird. Die Gründe nennt die Verwaltung selbst: ungeklärte Grundstücksfragen, kaum geeignete Baufirmen am Markt und zu wenig eigenes Personal (Teil 10).

Unsere EinschätzungBonn hat beim Bauen weniger ein Geldproblem als ein Umsetzungsproblem. Die Kredite fließen in Schulen und in die Bahnen der Stadtwerke. Das ist nicht falsch, viele Schulen hatten es nötig. Aber der unscheinbare Erhalt bleibt auf der Strecke: die Straße vor deiner Haustür, die Fahrbahndecke, der Bordstein. Er macht keine Schlagzeilen, bis eine Brücke gesperrt wird (Teil 7). Eine Stadt, die 2024 nur 13,6 Prozent ihrer Baumittel verbaut, muss nicht mehr planen. Sie muss weniger und dafür realistischer planen.
Erhalt vor Neubau

Ein fester Betrag für Straßenerhalt, mindestens in Höhe der jährlichen Abschreibung. Nur so hört der Wertverlust auf.

Den Zustand veröffentlichen

Die neue Zustandserfassung der Straßen gehört ins Netz, Straße für Straße. Dann sieht jede Bürgerin, wo es bröckelt.

Ehrliche Pläne

Nur noch so viel einplanen, wie realistisch umgesetzt werden kann. Mittel nur noch sparsam ins Folgejahr übertragen, wie es die Prüfer empfehlen.

DIE SERIEBonn erklärt

STAFFEL 1 Warum das Geld nicht reicht
STAFFEL 2 Wo das Geld hingeht und wo es fehlt
EXTRAS Prüfen und selbst rechnen