Was kostet Bonn?Blog · Bonn erklärt
BONN ERKLÄRT · STAFFEL 1 · TEIL 3

57.000 € pro Kind und Jahr. Keine Stadt im Vergleich zahlt mehr.

Kinder mit seelischer Behinderung haben Anspruch auf Begleitung im Unterricht. Das ist richtig und wichtig. Aber in keiner kreisfreien Stadt in NRW mit Vergleichsdaten ist ein Fall so teuer wie in Bonn: doppelt so teuer wie in der typischen Stadt (2023).

WORUM ES GEHTEine Begleitung im Klassenzimmer

Kinder mit einer seelischen Behinderung, etwa einer schweren Angststörung oder Autismus, haben ein Recht auf Hilfe, damit sie zur Schule gehen können. Oft heißt das: Eine Schulbegleitung sitzt mit im Unterricht. Das regelt § 35a im Sozialgesetzbuch VIII. Bezahlen muss das die Jugendhilfe der Stadt.

Niemand stellt diesen Anspruch in Frage. Die Frage ist nur, warum er in Bonn so viel teurer ist als in jeder anderen kreisfreien Stadt mit Vergleichsdaten.

DIE KURVEDoppelt so teuer, seit Jahren

Was ein Fall Schulbegleitung im Jahr kostet

€ je Fall · Bonn und typische kreisfreie Stadt (Median) · Ist · gpaNRW 2019 und 2024/2025
2017
Bonn
27.914 €
typisch
17.917 €
2018
Bonn
38.037 €
typisch
17.344 €
2022
Bonn
55.927 €
typisch
24.818 €
2023
Bonn
57.060 €
typisch
28.595 €

Seit 2017 hat sich der Preis pro Fall in Bonn mehr als verdoppelt (+104 %). In der typischen Stadt stieg er um 60 % (Median aus 15 bzw. 19 Städten). 2018, 2022 und 2023 war Bonn jeweils die teuerste Stadt im ganzen Vergleich.

2×
so viele Fälle pro 1.000 junge Einwohner wie die typische Stadt (5,97 gegen 2,89)
2022 · Ist · gpaNRW
12,8 Mio. €
zahlte Bonn 2022 mehr als eine Stadt mit typischen Fallkosten. Das rechnen die Prüfer vor.
2022 · 409 Fälle · gpaNRW
28 Mio. €
für alle 552 Fälle nach § 35a im Jahr 2023, 2022 waren es 24,7 Mio. €
2023 · Ist · gpaNRW
Ein Drittel aller Bonner Ausgaben für Erziehungshilfen fließt in die Eingliederungshilfe nach § 35a, vor allem in Schulbegleitung. In der typischen Stadt sind es 14 % (2022).

DER BONNER SONDERWEGGut gemeint, teuer gemacht

2017 erfand Bonn das „Poolmodell“. Die Stadt teilte die Schulen in 27 Gebiete auf, in jedem arbeitet ein fester Träger. Und der Rat beschloss einen hohen Standard: Als Schulbegleitung dürfen nur Fachkräfte arbeiten, also Sozialpädagoginnen, Sozialarbeiter und gegebenenfalls Erzieher.

Die Prüfer fanden das 2019 noch gut: Bonn habe „angemessen reagiert“. Sie schrieben aber auch, ob der Anstieg gebremst werde, „bleibt abzuwarten“. Er wurde nicht gebremst.

Unsere EinschätzungEin Kind mit Begleitung bekommt in Bonn eine ausgebildete Fachkraft. Das ist pädagogisch stark und finanziell eine Ansage. Die Prüfer nennen den Fachkräfte-Standard nicht ausdrücklich als Ursache. Wer aber Spitzenstandard bestellt, bekommt die Spitzenrechnung.

DIE WENDE?Seit Sommer 2025 wird umgebaut

Im Juni 2024 hat der Rat die Reißleine gezogen. Seit dem Schuljahr 2025/26 läuft eine zweijährige Übergangszeit mit zwei Wegen:

„Bonner Modell“ an zunächst 15 Schulen

Die Hilfe gehört dort zur Schule, ohne Antrag für jedes einzelne Kind. Das ist unbürokratisch, hat aber im Gesetz keine eigene Grundlage, sagen die Prüfer.

Einzelabrechnung überall sonst

Abgerechnet wird pro Kind, in der Übergangszeit noch mit Elementen des alten Poolmodells, danach eng nach dem Rahmenvertrag des Landes.

Was die Prüfer fordern

Ein festes Budget, möglichst mit Obergrenze, ein engmaschiges Controlling und eine Prüfung, ob die Leistung ausgeschrieben werden muss.

Unsere EinschätzungHier kann Bonn wirklich sparen, ohne einem einzigen Kind die Hilfe zu nehmen. Es geht um den Preis, nicht um den Anspruch. Aber Vorsicht: Eine Hilfe ohne Antrag und ohne Deckel kann genauso gut teurer werden. Ob der Umbau wirkt, zeigen erst die Abschlüsse 2026 und 2027. Die sollte man sich genau ansehen.

DAS GRÖSSERE MUSTERWenige Fälle, teure Fälle

Die Schulbegleitung ist kein Einzelfall. In der ganzen Hilfe zur Erziehung zeigt Bonn dasselbe Muster.

Fälle pro 1.000 junge Einwohner −20 %

Bonn
28,9
typisch
36,1

Bonn hat deutlich weniger Fälle als die meisten Städte.

2022 · Ist · gpaNRW 2024/25, S. 231

Kosten pro Fall +25 %

Bonn
39.501 €
typisch
31.482 €

Aber pro Fall zahlt Bonn mehr als jede andere Stadt im Vergleich. Bei der Heimerziehung 2022 ebenso: 90.021 € pro Fall, Höchstwert.

2023 · Ist · gpaNRW 2024/25, S. 235, 259

Netto pro Einwohner unter 21 +49 % seit 2019

2023
1.288 €
2019
862 €

Unterm Strich zahlt Bonn pro jungem Menschen fast die Hälfte mehr als vier Jahre zuvor. 2022 lag die Stadt damit genau an der Grenze zum teuersten Viertel, 2023 knapp über dem Median (1.264 €).

Ist · gpaNRW 2024/25, S. 228–229

DIE SERIEBonn erklärt

STAFFEL 1 Warum das Geld nicht reicht
STAFFEL 2 Wo das Geld hingeht und wo es fehlt
EXTRAS Prüfen und selbst rechnen